Pinacoteca

Archive 2013-2023

Dinge, die

Christine Gunzer, Alexandra Mitterhuber, Linda M├╝hlbacher, Marlene Penz, Barbara Post, Nicole P├╝hringer, Vera Rupp, Constanze Schweiger, Katharina Traxler
March 5-12, 2016

Eine Ausstellung zu einem Text von Jutta Koether ├╝ber Dinge, die Kunst machen und Dinge, die Kunst macht.

come closer slowly

Ein Text von Gilbert Bretterbauer, der an die Ausstellung “Dinge, die” ankn├╝pft

dachte immer, wenn der r├╝cken schmerzt, m├╝sse genau in diese stelle des wehtuns hinein eine dehnende bewegung gemacht werden, damit sich dort die verspannung l├Âst. (the pain is your teacher! h├Âre ich den yogalehrer immer wieder sagen, aber nicht zu mir, der schon seit 50 atmenz├╝gen im kopfstand stehend, mit tr├Ąnen in den augen, mich langsam mit dem umgekehrten raum abfinde, sondern zu jemandem, der sich in eine stellung hineinbem├╝ht, aus der heraus, wie ich sp├Ąter von ihm erfahren musste, er sich den miniskus ruiniert hat). also stelle ich mich (was ohnedies niemand bemerkt), in unangemessen weiter entfernung zur bar, die ein k├╝chenregal, das voll von unterschiedlichen zustandsbildern von orangen ist und beuge mich zur ├╝bernahme der kleinen bierflasche, damit sich diese, seit gestern anhaltende r├╝ckenmuskulatur streckt. das ist sehr unangenehm, der erste schluck des kalten getr├Ąnks wird als trostschluck vergeudet, erst der zweite wirkt wirklich, und da in doppeltem sinn: das ziehen l├Ąsst etwas nach, der alkohol mildert mein hartes urteil, der k├Ârper m├╝sse funktionieren. ├╝brigens passt diese episode, die so nicht einmal stattgefunden hat (ich nehme n├Ąmlich hei├čen schwarzen tee und vorerst aufgrund der k├Ąlte nicht das bier), zu der unwirklichen empfindung, geldscheine w├╝rden mich an der stirn kitzeln. sp├Ąter stellt sich heraus, dass dieser eindruck nicht auf die wirkung des alkohols auf n├╝chternen magen zur├╝ckzuf├╝hren ist, sondern eine reale erfahrung k├╝nstlerischer arbeiten an einer w├Ąscheleine in der soutterain-galerie pinacotek ist. schon jetzt wirkt einiges verwirrend, begonnen mit meiner absicht, den neuen, eigens an meinen kleinen finger angepassten, massiven, in rajasthan hergestellten silberring, beim ├Âffnen der t├╝re nicht an die t├╝rklinke zu pressen, um keine einkerbungen zu hinterlassen, wo doch die t├╝re beim eintreten bereits offen stand. die alten holzbretter im boden, sind durch meine schritte richtung ofen, wo sich ├╝ber dem frischen feuer mein h├Ąndepaar pl├Âtzlich mit drei anderen fremden handpaaren kreuzen wird, derart in schwingung geraten, dass ein tisch zu wackeln begann und die, urspr├╝nglich aufgestellte arbeit, ein zusammengefaltetes blatt papier, auf dem, wie auf einen blick zu erkennen ist, mit f├╝llfeder das wort f├╝llfeder geschrieben steht, umfallen lie├č. das blaue rad habe ich mit den vom f├Ąrbewasser des blauen schals tiefblau gef├Ąrbten h├Ąnden (worauf mich im laufe des abends aufmerksamer weise eine der k├╝nstlerinnen ansprechen wird, und nicht nur das, sie wird eine analogie zwischen den blauen fingern├Ągeln, die beim waschen des von mir im souk von marrakesh einem tuareg abgekauften tuchs, die farbe angenommen haben und der blauen jeansjacke, sowie der dar├╝ber getragenen, an den ├Ąrmeln zerschlissenen blauen army-jacke, herstellen), also mit diesen h├Ąnden das blaue kettenschloss schlie├čen und hinuntersteigen in den ausstellungsraum, wo ich in ein kleines notizheft eintragungen machen werde, die die grundlage eines textes bilden sollten, den mich die kuratorin der ausstellung zu verfassen gebeten hat. direkt von einer besprechung, zu einer, meine arbeit betreffenden ausstellung, aus dem b├╝ro eines anderen kurators, kommend, w├Ąrme ich mir die h├Ąnde nicht nur ├╝ber einem ofen, in dem zu einer galerie ausgebauten keller, sondern nehme zus├Ątzlich gerne, einen, von der betreiberin des projektraumes, in ein t├╝rkisches glas geleerten schwarzen tee entgegen, mit dem ich dann vorhabe, die ausgestellten kunstwerke zu betrachten, nicht ahnend, dass mich, noch bevor ich meine aufmerksamkeit auf einige, zwischen fu├čboden und wand sorgf├Ąltig platzierte tonteilchen richten kann, der in new york lebende freund und k├╝nstler, den ich seit jahren nicht mehr gesehen habe, begr├╝├čen wird. ebenso seit jahren, bin ich der frau nicht mehr begegnet, die mir, aus dem lift des 12-st├Âckigen hochauses tretend, entgegenkommt, an deren dunkelviolette seidene bettw├Ąsche ich mich erinnere, w├Ąhrend wir einander, in einer innigen umarmung, festhalten. nun gilt es, bevor noch an das verfassen eines texts zu denken ist, zwischen den, auf eine schnur aufgef├Ądelten tonk├╝gelchen und den, mit kn├Âpfen versehenen textilt├╝chern stehend, eine verbindung zwischen folgenden umst├Ąnden herzustellen: vor dem hochaus am donaukanal stehen und den kurator genau in dem moment anrufen (ich will erfahren, welche top nummer an der gegensprechanlage zu dr├╝cken sei, damit er seine t├╝re ├Âffnet), in dem sich die frau, im gegensatz zu mir, der vor einem gespr├Ąch steht, von einem gespr├Ąch verabschiedet, und die ich einige augenblicke sp├Ąter im hausflur vor dem lift nach 20 jahren abwesenheit umarmen werde und eine stunde sp├Ąter bei der er├Âffnung einer ausstellung, ├╝ber deren inhalt es einen text zu schreiben gilt, dem k├╝nstler, den ich ebensoviele jahre (was ├╝bertrieben ist), trotz seiner wiederholt an mich gerichteten einladung, ihn in seinem haus im kalifornischen death valley zu besuchen, nicht mehr gesehen habe, begegnen. die unmittelbare situation scheint gekl├Ąrt zu sein, einige wenige dinge haben sich trotz ablenkungen in meine wahrnehmung hineingedr├Ąngt, in weiterer folge werden kleinste aufzeichnungen notiert, die sich eher an den um mich stattfindenden gespr├Ąchen orientieren, als an dem, mir selbst suspekt scheinenden direkten blick auf die kunstwerke, geschweige denn an meinen, wie eine ├╝ppige last mitgebrachten einsch├Ątzungen und da kann es schon passieren, dass, w├Ąhrend ich allm├Ąhlich die anordnung der unterschiedlich bearbeiteten orangen zu verstehen beginne, mich wieder s├Ątze, wie, nach der vernissage wurde es dann nicht ganz so lustig, weil der typ, der sonst sehr viel redet, in der gruppe total geschwiegen hat, worauf seine freundin echt verfallen ist und es mir schlagartig noch schlechter ging als ohnedies schon an diesem abend, von der bereitschaft, mich den werken und ihrer aussage zu ├╝berlassen, abhalten.

Gilbert Bretterbauer, 2016